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Haeckels Embryos

20.12.2009

Karl Ernst von Baer

Karl Ernst von Baer schrieb an Charles Darwin, wie erstaunlich ähnlich sich Wirbeltierembryos sehen. Er hatte versäumt, zwei Gläser mit in Alkohol konservierten Embryos zu beschriften, und konnte sie nun nicht mehr zuordnen:

Ich kann absolut nicht sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen, kleine Vögel oder sehr junge Säugetiere sein, so vollständig ist die Gleichheit in der Form des Aufbaus von Kopf und Rumpf bei diesen Tieren.
Zitat nach Wikipedia

Die Tatsache, dass sich Wirbeltierembryos in einem frühen Stadium stark ähneln (Baersche Regel), wurde von Darwin korrekt als Hinweis auf die gemeinsame Abstammung interpretiert. Von Karl Ernst von Baer, der Darwins Evolutionstheorie ablehnte, stammen laut Wikipedia auch diese Zeichnungen (vor 1840):

Moment mal, wird da mancher denken, sind das nicht die berüchtigten Embryo-Zeichnungen von Ernst Haeckel? Fast.

edit 16.1.2010: Das obige Bild wurde in Wikipedia fälschlich K.E. von Baer zugeordnet. Es handelt sich wahrscheinlich um die Version von Romanes, bloß ohne Beschriftung.

Von Ernst Haeckel stammt diese Version (1874):

Am bekanntesten ist wohl die Version, die George Romanes 1892 von Haeckel kopierte.

Die Biogenetische Grundregel

Haeckel übernahm nicht bloß von Baers Embryonentafel sondern baute auch die Baersche Regel zur Biogenetischen Grundregel aus: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.

Das heißt, das einzelne Tier wiederholt in seiner Entwicklung die Stammesgeschichte seiner Art. Ein Säugetier würde also ein Einzeller-, ein Fisch- und ein Amphibienstadium durchlaufen, bevor die Säugetier-typischen Merkmale auftauchen. Diese strenge Auslegung der Regel wird heute von allen Entwicklungsbiologen abgelehnt, aber einzelne Organe sind beim menschlichen Embryo tatsächlich zunächst wie beim Fisch. Bei Wikipedia gibt es Beispiele.

Haeckels Fälschungen und sein Geständnis

In PZ Myers' Blog Pharyngula kann man lesen, dass sich die Fälschungsvorwürfe nicht auf die bekannten Embryonentafeln beziehen, sondern auf Abbildungen der Embryos von Hund, Huhn und Schildkröte, für die Haeckel dreimal denselben Holzschnitt verwendete. Das ist vielleicht der einzige Fall, in dem man Haeckel absichtliche Schummelei vorwerfen könnte.

Aber auch in anderen Fällen hat er unbekannte Details in seinem Sinne ergänzt, weggelassen, was ihm unwichtig erschien, und hervorgehoben, was seine Theorien bestätigte. Im englischen Wikipedia wird ein frisierter Vergleich von Hunde- und Menschenembryos gezeigt.

Ein gewisser Hugo C. Jüngst erwähnt im Jahre 1910 ein Bild mit Affen als Beispiel für eine Fälschung. Er schreibt dazu:

Dass es sich bei der fraglichen Erklärung um die wiederholt erhobene Beschuldigung handelt, Haeckel's Embryonenbilder, in denen er die lückenlose Entwicklung des Affen vom Menschen bildlich darstellte, seien gefälscht, wurde schon angedeutet.
(Quelle caliban.mpiz-koeln.mpg.de)

Dann zitiert Jüngst Haeckels "Entschuldigung":

Um dem ganzen wüsten Streite kurzerhand ein Ende zu machen, will [ich, Haeckel] nur gleich mit dem reumütigen Geständnis beginnen, daß ein kleiner Theil meiner zahlreichen Embryonenbilder (vielleicht 6 oder 8 vom Hundert) wirklich (im Sinne von Dr. Braß) "gefälscht" sind - alle jene nämlich, bei denen das vorliegende Beobachtungsmaterial so unvollständig oder ungenügend ist, daß man bei Herstellung einer zusammenhängenden Entwicklungskette gezwungen wird, die Lücken durch Hypothesen auszufüllen und durch vergleichende Synthese die fehlenden Glieder zu rekonstruieren.
(selbe Quelle)

Haeckel antwortet in Sandalion, dass seine "Entschuldigung" keinesfalls ernst gemeint war:

Herr Jüngst hält also mein "Reumütiges Geständnis" (a. a. O.) für ernst, und sieht nicht, daß es rein ironisch  ist - was aus dem ganzen Zusammenhang sich sofort ergibt und was jeder klar denkende Leser erkennen muß.
(Quelle caliban.mpiz-koeln.mpg.de)

Zu seiner Verteidigung zitiert Haeckel Professor Carl Rabl (Leipzig) (in der Frankfurter Zeitung vom 5. März 1909):

Von Fälschung und Betrug kann nie und nimmer die Rede sein; davon könnte nur gesprochen werden, wenn absolut naturgetreue Abbildungen zu anderen Schlüssen führten, als die Haeckelschen Schemata; dies ist aber nicht der Fall. Im Laufe der letzten 30 Jahre sind viele Tausende von Embryonen der verschiedensten Wirbeltiere durch meine Hände gegangen, und ich erkläre, daß sich Haeckels phylogenetische Deduktionen durch absolut naturgetreue Bilder weit besser und überzeugender beweisen ließen, als durch seine eigenen Schemata.
(selbe Quelle)

Haeckels Einfluss auf Darwin und Hitler

Selbstverständlich kannte Darwin Haeckel, aber der Einfluss war eher einseitig. Während Haeckel Darwins Evolutionstheorie begeistert aufnahm und in Deutschland bekannt machte, ist von Haeckels Gedanken nichts bei Darwin wiederzufinden. Die Argumentation der Kreationisten, dass gefälschte Zeichnungen von Haeckel die Grundlage der Evolutionstheorie bilden ("He relied especially on Ernst Haeckel, a German biologist", Dembski), ist völlig aus der Luft gegriffen.

Eine andere Behauptung der Kreationisten, Hitler hätte seine rassistischen Vorstellungen von Haeckel und von der Evolutionstheorie hergeleitet, ist ebenso unhaltbar. Haeckel taucht sogar 1935 in einer Liste der verbotenen Bücher auf:

6. Schriften weltanschaulichen und lebenskundlichen Charakters, deren Inhalt die falsche naturwissenschaftliche Aufklärung eines primitiven Darwinismus und Monismus ist (Häckel).

Hitler hat tatsächlich die Evolutionstheorie zur Begründung der Nationalsozialistischen Rassenhygiene herangezogen, aber dazu musste er sie missverstehen. In Mein Kampf spricht er von "dem Willen der Natur zur Höherzüchtung des Lebens überhaupt" und widerspricht sich wenig später selbst:

Denn da das Minderwertige der Zahl nach gegenüber dem Besten immer überwiegt, würde bei gleicher Lebenserhaltung und Fortpflanzungsmöglichkeit das Schlechtere sich so viel schneller vermehren, daß endlich das Beste zwangsläufig in den Hintergrund treten müßte.

Das ist das Gegenteil der Evolutionstheorie. Hitler wollte nicht, dass man dem Zufall freien Lauf lässt und zusieht, wie sich sich das Geeignetste durchsetzt, sondern er wollte, dass sich nur die Menschen vermehren, die die Merkmale der seiner Meinung nach besten Rasse aufweisen.

Das entspricht der Tierzucht und bleibt, da es sich nur auf Menschen bezieht, im Rahmen der von den Kreationisten bestätigten "Mikroevolution". Zudem ist der Gedanke, dass die Evolutionstheorie falsch sei, weil sie zum Nationalsozialismus geführt habe, ein non sequitur oder genauer ein Argumentum ad consequentiam.

Haeckels Embryos in modernen Lehrbüchern

Ich erinnere mich, dass im Biologieraum meines Gymnasiums Haeckels Embryonentafel im Großformat hing. Das Discovery Institute wirft den Schulen vor, weiterhin Lehrbücher mit Haeckels gefälschten Zeichnungen zu verwenden.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Miller und Levine ersetzen die Zeichnungen in ihrem Lehrbuch durch Fotos. PZ Myers erkennt im Lehrbuch von Starr & Taggert (2001) durchaus Haeckels Zeichnungen wieder, aber findet das nicht schlimm, weil sie nicht falsch sondern nur ungenau sind:

The fish in particular isn't very accurate.

Insbesondere ist der Fisch nicht gerade genau.

Joshua Rosenau vom NCSE schreibt bezüglich der Abbildungen im Lehrbuch von Raven & Johnson:

You'll note that, despite West's claim that this is "a version of Haeckel's drawings," they are actually quite different in their details. These are clearly redrawn photographs of actual embryos, and as such do not bear the taint of any errors Haeckel made, intentionally or otherwise.

Sie werden feststellen, dass sie, obwohl West behauptet, sie seien "eine Version von Haeckels Zeichnungen", in ihren Details tatsächlich ganz anders sind. Sie sind ganz klar nachgemalte Fotos von echten Embryos, und enthalten als solche keine Fehler, die Haeckel absichtlich oder versehentlich machte.

Weil ich nicht nachvollziehen kann, welche Details in Haeckels Zeichnungen falsch und in Raven & Johnson richtig sind, habe ich bei Rosenau nachgefragt, ob vielleicht der kürzere Schwanz beim menschlichen Embryo gemeint ist, aber mein um zwei Jahre verspäteter Kommentar wurde nicht beantwortet. Ich habe auch einen emeritierten Biologieprofessor deswegen angeschrieben. Seine Antwort, dass er nicht die Zeit habe, die Qualität der Bilder in den Lehrbüchern zu beurteilen, deutet darauf hin, dass sie nicht auf den ersten Blick als falsch zu erkennen sind.

Wie schon gezeigt, hat Haeckel mehrere Zeichnungen in unzulässiger Weise seinen Vorstellungen angepasst, aber die Embryonentafeln gehören nicht dazu, weil er sie ja von von Baer kopiert hat.

edit 16.1.2010: Die Embryonentafel stammt nicht von von Baer. Da war ich einem Fehler in Wikipedia aufgesessen.

Es wäre interessant zu wissen, auf welche Merkmale die Kreationisten ihre Überzeugung stützen, die Embryonentafeln seien betrügerisch. Da es sich um schematische Darstellungen handelt, kann man nicht bemängeln, dass alle Embryos die gleiche Größe haben. Auch die gleiche Biegung der Körper dürfte in Ordnung gehen, wenn man diese bei der Präparierung beliebig ändern kann.

Harun Yahya schreibt unter die Gegenüberstellung eines Haeckel-Bildes und eines fast identischen "akkuraten Bildes", dass große Teile von Organen bei Haeckel fehlen. Aber was man auf dem "akkuraten Bild", dessen winzige Beschriftung nicht lesbar ist, zusätzlich erkennen kann, ist wohl der Dottersack, der in Haeckels bezeihungsweise von Baers schematischen Zeichnungen weggelassen wurde.

Es läuft wohl darauf hinaus, dass die Zeichnungen nicht aussehen wie Fotos und deshalb von den Kreationisten für falsch gehalten werden. Für Jonathan Wells ist es am schlimmsten, dass die noch früheren Embryonalphasen weggelassen wurden, in denen sich die Arten stärker unterscheiden.

 

Zum Abschluss ein paar weitere Links. Nur der erste ist deutsch.

Wikipedia: Embryonenkontroverse

PZ Myers auf Talkorigins.org, 2003

Robert J. Richards' objektive Untersuchung (PDF)

Discovery Institute über Haeckel-Zeichnungen in Lehrbüchern

Discovery Institute, update 2008

Es gibt einige Begriffe, die in der Umgangssprache anders benutzt werden als in der Wissenschaft. "Theorie", "Energie", "Dimension" und "Information" gehören dazu. Sogar in verschiedenen Zweigen der Wissenschaft können solche Begriffe unterschiedlich definiert sein.

Im vorliegenden Beitrag stelle ich einige Definitionen von "Information" vor und betrachte, was sie für die Evolutionskritik bedeuten.

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Endogene Retroviren (ERV) sind RNA-Viren, die ihr Erbgut in eine Keimbahnzelle des Wirts eingebaut haben, so dass sie neben der Ansteckung auch die Vererbung innerhalb der Wirtstiere zur Verbreitung nutzen. Aufgrund der Größe des Genoms und des weitgehend zufällig gewählten Einfügeortes kann man sich sicher sein, dass wenn zwei Tierarten einen ERV desselben Typs an gleicher Position in der DNA haben, ein gemeinsamer Vorfahre mal den Provirus eingepflanzt bekam.

Äußerlich recht unterschiedliche Tiere, wie zum Beispiel Fledermäuse und Elefanten ähneln sich im Körperbau, was auf eine gemeinsame Abstammung hindeutet. Als Gegenargument dazu bekommt man zu hören, dass der Schöpfer gut funktionierende Baupläne mit Abwandlungen mehrfach verwendet hat. Da dieser Schöpfer allmächtig sein soll, hätte er Fledermäusen und Elefanten aber auch ganz unterschiedliche Knochen in die Arme und Füße packen können. Die Evolutionstheorie erklärt, warum die Knochen einander entsprechen, während der Schöpfer nicht nur omnipotent und omniscient ist sondern auch omniexplanatorisch.

Den Gedanken, dass funktionierende Einheiten bei verschiedenen Arten wiederverwendet werden, möchten die Kreationisten gerne auch auf endogene Retroviren anwenden, die in der DNA verschiedener Tierarten an übereinstimmenden Positionen sitzen. Deshalb ist es ihnen wichtig, auf deren nützliche Funktionen hinzuweisen. Bei näherem Hinsehen haben aber niemals vollständige ERVs einen Nutzen für den Wirt sondern bestenfalls ein Gen oder ein LTR davon. Die allermeisten ERVs im Erbgut sind völlig nutzlos und es gab sicher noch weit mehr von ihnen, die durch natürliche Selektion und durch genetische Drift entfernt wurden.

Die Phantasien mit den gutartigen ERVs werden so weit gesponnen, dass die Retroviren als Verteiler nützlicher Gene ausgeschwärmt sein sollen, die sie dann punktgenau bei anderen Arten eingefügt hätten. Erst durch den Sündenfall seien sie bösartig geworden. Das wäre zwar ein Erklärungsansatz dafür, dass man aus der Verteilung von endogenen Retroviren Stammbäume konstruieren kann, aber nicht dafür, dass man auch aus den Zerfallserscheinungen der inaktiven Proviren dieselben Stammbäume erhält.

Insbesondere die LTRs an beiden Enden des Provirus, die zum Zeitpunkt der Einfügung identisch sind, liefern besonders klare Informationen über die Verwandschaftsbeziehungen unterschiedlicher Tierarten, die orthologe ERVs tragen. Eine Stellungnahme von kreationistischer Seite ist mir dazu nicht bekannt.

Unter "Artikel ganz lesen" geht es weiter zur Liste der in meiner Abhandlung über ERV hier im Blog verwendeten Internetseiten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

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Außer dem einfachen Beweis gibt es andere Möglichkeiten, anhand von DNA Abstammungen zu ermitteln. Diese möchte ich kurz vorstellen, bevor ich mich mit Einwand 6 beschäftige:

"Die aus ERV ermittelten Stammbäume sind inkonsistent".

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In den bisher behandelten Einwänden gegen den Evolutionsbeweis durch endogene Retroviren wurden phantastische und völlig haltlose Geschichten darüber gesponnen, was ERVs ursprünglich gewesen sein könnten. Jetzt geht es um vernünftigere Einwände, nämlich darum, ob die übereinstimmenden Einfügestellen bei verschiedenen Tierarten von einer Vorliebe der ERVs für bestimmte Positionen herrühren können, und ob überhaupt ausreichend viele übereinstimmende Einfügestellen vorliegen, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

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Im ersten Teil habe ich endogene Retroviren (ERV) vorgestellt und gezeigt, wie sie die gemeinsame Abstammung von Menschen und anderen Affen belegen. Im zweiten Teil folgte nach einer Liste der Fachausdrücke die Behandlung von Einwand 1: "ERV sind nicht funktionslos".

In diesem Blog-Eintrag geht es um die Einwände "ERV sind ursprüngliche Bestandteile des Genoms" und "ERV waren gutartige Verteilungsmechanismen, die später degeneriert sind".

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Auf die Einwände der Kreationisten gegen den einfachen Beweis einzugehen, ist gar nicht so einfach, weil man sowohl das Weltbild der junge-Erde-Kreationisten (YEC) als auch Intelligent Design (ID) berücksichtigen muss. Intelligent Design müsste eigentlich gar nicht im Widerspruch mit der Abstammungslehre stehen, und Michael Behe akzeptiert sie wohl auch, aber andere Vertreter dieser Richtung bevorzugen die Vorstellung von Grundtypen und Mikroevolution und sind mit der Abstammung des Menschen von früheren Affenarten gar nicht einverstanden. Junge-Erde-Kreationisten nehmen die Bibel wörtlich, gehen also von 144 Stunden Schöpfung aus und berechnen das Alter der Welt anhand biblischer Stammbäume auf etwa 6000 Jahre.

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Von Kritikern der Evolutionslehre bekommt man häufig zu hören, sie sei nur eine Theorie, weil sie nicht bewiesen sei. Das ist zum einen Unsinn, weil eine wissenschaftliche Theorie nicht einfach eine Hypothese ist sondern ein Gedankengebäude, das den Zusammenhang beobachteter Fakten erklärt. Zum anderen ist die Evolutionslehre bewiesen, zumindest die beiden Bestandteile "Abfolge der Arten" und "Abstammung der Arten voneinander".

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Die Kenner finden die aktuellen Veröffentlichungen über Ardipithecus nicht sonderlich aufregend. Die Erwartungshaltung, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse dem Schimpansen ähnlicher gesehen haben muss als dem Menschen, war wohl eher unter Laien verbreitet.

Ich zum Beispiel war der Meinung, dass Gorillas und Schimpansen ziemlich gleich aussehen, und deswegen der letzte gemeinsame Vorfahre von Gorilla und Schimpanse ungefähr so ausgesehen haben muss wie diese beiden heute lebenden Menschenaffen. Von diesem Vorfahren bis zum Schimpansen wäre keine große Veränderung zu erwarten, also immer Vierbeinigkeit mit Hilfe der Handknöchel und immer große Eckzähne, zumindest bei Männchen.

Da die Trennung der Linien Mensch-Schimpanse später erfolgte als die Trennung Gorilla-Schimpanse, ergibt die Interpolation, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse nicht aufrecht ging, sondern sich auf den Handknöcheln abstützte.

Brian Switek und afarensis wiesen aber im vergangenen August darauf hin, dass Gorilla und Schimpanse diese Gangart möglicherweise unabhängig voneinander entwickelten. Es kristallisiert sich also ein (für mich) unerwartetes Bild ab, das andererseits einige Beobachtungen erklärt, die bisher nicht so recht passen wollten:

Eine weitere Gemeinsamkeit von Ardipithecus ramidus und Homo, die Schimpansen und Gorillas nicht haben, sind kleine Eckzähne bei beiden Geschlechtern.

Da das Alter von "Ardi" mit 4,4 Millionen Jahren recht nah an der vor etwa 6 Millionen Jahren vermuteten Aufspaltung von Mensch und Schimpanse liegt, darf man annehmen, dass Ardipithecus ramidus dem letzten gemeinsamen Vorfahr noch recht ähnlich sah.

Die sich abzeichnende direkte Linie

  1. Sahelanthropus tchadensis
  2. Ardipithecus ramidus
  3. Australopithecus anamensis
  4. Australopithecus afarensis
  5. Homo habilis
  6. Homo erectus
  7. Homo antecessor
  8. Homo heidelbegensis
  9. Homo sapiens

wie sie bei Hominin.net mutig skizziert wird, ist angesichts des lückenhaften Fossilbefunds sicher noch nicht das letzte Wort.

Und wo ich grad bei Aufzählungen bin:

  • Ida: Darwinius masillae, 47 Millionen Jahre alt, für die Abstammung des Menschen eher uninteressant
  • Ardi: Ardipithecus ramidus, 4,4 Millionen Jahre alt, ein Kandidat als Vorfahr des Menschen, zeitlich nah am letzten gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen (~6 Mio. Jahre)
  • Lucy: Australopithecus afarensis, als Art 4 bis 2,9 Millionen Jahre alt (als Exemplar "Lucy" 3,2 Millionen Jahre alt) ein Kandidat als Vorfahr des Menschen.

Weitere Links bezüglich Ardi:

Huch, was schreibt das Evo-Magazin denn da?!

edit, 4.10.2008: Der Text beim Evo-Magazin wurde mittlerweile korrigiert.

"... der bislang früheste gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch, ..."

Und sowas aus dem Lager der Guten!

Erstmal wissen wir gar nicht, ob Ardipithecus ramidus ein Vorfahr des Menschen ist. Zweitens ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Vorfahr des Schimpansen. Drittens ist "frühester gemeinsame Vorfahre" sowieso Blödsinn, weil man als gemeinsame Vorfahren auch Fische und Einzeller angeben könnte, die sicher um einiges älter sind.

Gemeint war der Vorfahren-Kandidat, der bislang am dichtesten hinter der Trennung Mensch-Schimpanse liegt.

Dann setzt Evo-Magazin auch noch den Begriff "Menschenaffe" mit der Gattung "Homo" gleich. Menschenaffen sind außer dem Menschen (Homo) auch Schimpansen (Pan), Gorillas (Gorilla) und Orang-Utans (Pongo), und wenn man will auch Gibbons.

Was sagen die Kreationisten?

Die arbeiten wie immer fleißig im Zitate-Bergwerk und freuen sich über die Schlagzeile in National Geographic

Oldest "Human" Skeleton Found--Disproves "Missing Link"

Gemeint ist: die Vorstellung, der Link sei dem Schimpansen sehr ähnlich gewesen, sei nun widerlegt. Die Formulierung reiht sich aber in eine Serie ähnlicher Schlagzeilen ein: "Darwin was wrong", "Höhere Tiere stammen nicht von niederen Tieren ab".

Der Dallas Christian Living Examiner macht daraus erwartungsgemäß:

The theory of evolution states many things, one of the more popular theories being that humans and other primates, such as apes, monkeys, and gorillas, all have a common ancestor that walked the earth millions of years ago.  The idea of the missing link is that somewhere way back when, there was a primate who almost seemed to be half monkey and half human, proving that there was at some point an evolutionary split. A recent discovery in Ethiopia disproves that theory.

Versuch einer wörtlichen Übersetzung:

Die Evolutionstheorie macht viele Aussagen, wobei eine der populäreren Theorien ist, dass Menschen und andere Primaten, etwa Menschenaffen, Affen und Gorillas [sic] alle einen gemeinsamen Vorfahren haben, der vor Jahrmillionen auf Erden wandelte.  Der Gedanke des fehlenden Zwischengliedes ist, dass irgendwo vor langer Zeit ein Primat lebte, der beinahe halb Affe und halb Mensch zu sein schien, was beweisen würde, dass es irgendwo eine evolutionäre Trennung gab. Eine vor kurzem [eigentlich 1994] in Äthiopien gemachte Entdeckung widerlegt diese Theorie.

Hier wird die Widerlegung also nicht mehr auf die Ähnlichkeit des "Missing Link" zum Schimpansen bezogen sondern überhaupt auf die Existenz eines gemeinsamen Vorfahren von Menschen und anderen Menschenaffen. Das hat mit der Berichterstattung von National Geographic nichts mehr zu tun.

Der selbsternannte Gottesbote Rashad Khalifa, der wegen seiner Häresie 1990 von anderen Muslimen ermordet wurde (unter anderem wollte er zwei Koranverse streichen, weil sie sein auf der 19 beruhendes Zahlenschema störten), übersetzte wohl als Erster im Jahre 1989 den Koranvers 79:30 mit

He made the earth egg-shaped.

Er hat die Erde eiförmig gemacht.

Normale Übersetzungen sind:

Pickthall:                        And after that He spread the earth
Bubenheim:                   Und währenddessen breitete Er die Erde aus
Al-Azhar-Universität:     Er ebnete dann die Erde
Paret:                            breitete danach die Erde aus
Rasul:                            Und Er breitete hernach die Erde aus
Transliteration:              Waal-arda baAAda thalika dahaha

Man beachte, dass es in der "klaren arabischen Sprache" offenbar nicht möglich ist, "währenddessen" von "danach" zu unterscheiden.

Die alten Korankommentare unterstützen die normalen Übersetzungen, zum Beispiel der Tafsir al-Jalalayn aus dem 15. Jahrhundert:

and after that He spread out the earth:
He made it flat, for it had been created before the heaven, but without having been spread out;

Khalifas Lesart findet man mittlerweile hundertfach im Internet. Mal soll damit der Koran vor dem Angriff in Schutz genommen werden, er stelle die Erde als eine Scheibe dar, mal wird gar behauptet, es handle sich um ein Wunder, weil man damals noch gar nicht wusste, dass die Erde ein Ei ist, was die Form der Erde im Übrigen besser beschreibe als eine Kugel. Diese Argumentation enthält aber gleich drei Fehler.

1. Ist die Erde eiförmig?

In Wirklichkeit weicht die Form der Erde gerade in die andere Richtung von der perfekten Kugel ab. Während beim Straußenei die Symmetrieachse gleichzeitig der längste Durchmesser ist, hat die Erde eine kurze Symmetrieachse von Pol zu Pol. Wenn man einen Ball etwas in die Länge zieht, bekommt man die Form des Straußeneis. Wenn man ihn etwas zusammendrückt, bekommt man die Form der Erde.

Daran ändert sich auch nichts, wenn man das Ei oder die Erde um 90 Grad dreht oder auf die Seite legt. Anhand von zweidimensionalen Abbildungen versuchen muslimische Webseiten und Videos nämlich genau das zu zeigen. Nur jemand ganz ohne räumliche Vorstellungskraft kann darauf reinfallen, aber wenn man sich die Kommentare auf Youtube und in Foren so ansieht, scheinen das nicht wenige zu sein.

Der Erdradius ist am Äquator 6378 km und in Polrichtung 6357 km. Zur Kugel fehlen an den Polen 21,4 Kilometer oder ein Dreihundertstel. Als Erdform wird häufig das Geoid angegeben, das vom Rotationsellipsoid dadurch abweicht, dass Masseanomalien berücksichtigt sind. Es wird manchmal als kartoffel- oder birnenförmig beschrieben, aber das bezieht sich nur seine winzigen Abweichungen vom Ellipsoid, die 100 m nicht überschreiten. Kleinformatige Strukturen wie Berge und Täler werden im Geoid nicht berücksichtigt, und der Gezeiteneffekt ist auch außen vor.

Könnte der Gezeiteneffekt eine Eiform ergeben? Wegen der Asymmetrie der Kräfte auf der dem Mond zugewandten und abgewandten Seite könnte man sich sogar ein stumpfes und ein spitzes Ende vorstellen. Der Meeresspiegel wird dadurch aber nur um durchschnittlich 30 cm angehoben, und die Hebung bzw. Senkung der festen Erdkruste beträgt auch nur etwa 30 bis 60 cm.

Als bessere Vergleiche bieten sich anstatt des Straußeneis Orangen und Wassermelonen an, oder Bälle, denn die Abweichung der Erde von der Kugelform ist minimal. Dr. Haluk Nurbaki hat das auch gemerkt und versucht die Argumentation so zu retten:

Among all the eggs of organisms, the one closest to a sphere is the ostrich egg.

Unter allen Eiern ist das Straußenei der Kugelform am nächsten.

Das stimmt nicht. Die Google-Abbildungen von Straußeneiern weisen eine deutliche Streckung auf. Hingegen gibt es aber kugelrunde Eier von Schildkröten und von Schmetterlingen.

2. Wusste man, dass die Erde rund ist?

Fethullah Gülen schreibt:

Weil der wissenschaftliche Stand damals der wörtlichen Bedeutung des Verses zu widersprechen schien, haben einige Koraninterpreten diesen falsch gedeutet und das Wort als 'ausbreiten' interpretiert. Als Grund dafür darf man geltend machen, dass in früheren Zeiten der wörtliche Sinn nicht akzeptabel erschien und die Koraninterpreten fürchteten, der Vers könne missverstanden werden.

Was wird den Korankommentatoren da unterstellt? Sie befürchteten, "der Vers könne missverstanden werden"? Das ergibt keinen Sinn. Nach Gülens Argumentation müssten die Korankommentatoren gelogen haben, weil sie befürchteten, der der Vers könne wörtlich verstanden werden und so zu Kopfschütteln führen. Die Formulierung "Als Grund dafür darf man geltend machen, ..." lässt vermuten, dass Gülen eine solche Lüge für gerechtfertigt hält, wenn sie den Koran richtiger erscheinen lässt. Ja, offenbar denkt er so, denn er verbreitet ja aus demselben Grund ganz ähnliche Unwahrheiten.

Wikipedia weiß es besser:

Die irrige moderne Annahme, dass insbesondere die mittelalterliche Christenheit an eine Erdscheibe geglaubt habe, wird als Mythos der Flachen Erde bezeichnet und von der Historical Society of Britain als verbreitetster historischer Irrtum aufgelistet.

Eratosthenes und Aristoteles wussten schon lange vor der Zeitenwende, dass die Erde rund ist, und dieses Wissen ging nicht verloren.

So konstatierte bereits der katholische Heilige und Kirchenvater Augustinus um das Jahr 400 unmissverständlich, die Erde sei eine Kugel. Quelle: StMichael-online.de

Im Wikipedia-Artikel über Eratosthenes von Kyrene, der um 225 v. Chr. den Erdumfang recht genau bestimmte, wird erwähnt, dass im Jahr 827 n. Chr. eine Messung des Kalifen al-Ma'mun ein ähnlich genaues Ergebnis erreichte. Im Artikel über den Erdradius lesen wir:

Der Mathematiker Al-Biruni ermittelte im Jahr 1023 mit einem von ihm erfundenen neuen Messverfahren den Radius der Erdkugel auf 6339,6 km.

Also war auch den Korankommentatoren in der arabischen Welt die Kugelform der Erde bekannt.

3. Hat dahaha etwas mit eiförmig zu tun?

Hören wir uns mal Pierre Vogel auf Youtube an, von Minute 2:20 bis 2:50 geht es um "dahaha".

Er sagt also, "dahia" oder "dahiya" hieße Straußenei, und "dahaha" sei davon abgeleitet. Dann folgen die falschen Behauptungen über die Eiform der Erde und bis wann man glaubte, die Erde sei eine Scheibe.

Zum Vergleich Zakir Naik, Minute 4:07 bis 5:00.

Er sagt, dass "duhia" oder "duhiya" Straußenei heißt, und behauptet dann, ein Straußenei sei "geospherical in shape", und hätte genau die Form der Erde. Vogel und Naik sind sich also nicht einig, wie Straußenei auf Arabisch heißt, obwohl beide ein großes Stück Straußeneierschale auf dem Kopf tragen.

Eine dritte Meinung, wie das Wort für Straußenei ist, nämlich "Ud-hiya", kommt von so einer Art Universität. Der Autor heißt Kamel ben Salem:

... the origin of this verb is found in the word (Ud-hiya), which means, "egg of ostrich".

In den Wörterbüchern, die ich im Internet gefunden habe, findet man weder die Herleitung von "dahaha" aus "dahia" oder "duhia" noch, dass eines dieser Wörter Straußenei bedeutet. Das ziemlich spärliche dictionary.sakhr.com liefert immerhin bayd=Ei und daha=ausbreiten.

Lane's Lexikon liefert umfangreiche Erklärungen zu "daha" und erklärt auch, was "ausbreiten" mit Straußeneiern zu tun hat. Der Strauß breitet nämlich den Sand aus und ebnet ihn, bevor er (bzw. sie) das Ei hineinlegt. Andere Wörterbücher, die dasselbe aussagen, darunter das in solchen Fragen tonangebende "Lisan al-Arab", werden in Wikiislam und faithfreedom.org zitiert.

Die letzte Silbe von "dahaha" ist ein Pronomen und steht für die Erde: "hat sie ausgebreitet". Übrigens kommt bayd=Ei sogar einmal im Koran vor, Vers 37:49, und Pickthall und die Al-Azhar-Universität übersetzen dort "bayd" mit "Straußenei".

Bei Google Books habe ich noch ein Wörterbuch gefunden, in dem ebenfalls "Straußenei" auf Arabisch "bayd" ist. Ergänzend zu der Wörterbuch-Suche haben wir noch die Aussage des Ex-Muslims Ladeeni, der Arabisch als Muttersprache hat. Er kennt keine Wörter wie Dahia oder Duhia für "Ei", aber er hat herausgefunden: "In Libyen wird ein Ei DiHHi genannt".

In den Kommentaren zum Youtube-Video von UnsichtbarerGeist behauptet "LeJeanNoel", er hätte ein Larousse-Wörterbuch Arabisch-Französisch, in dem nicht nur steht, dass "Dahia" "Straußenei" heißt, sondern sogar "en forme d'oeuf", eiförmig.

Auf answering-islam.org wird ein anderes Wörterbuch zitiert: "Al-munjid fil'lugha wal'alam"

al-udh'y, al-idhi'y, al-udhu'wa, al-udhi'ya: The egg of the ostrich in the sand.

Es sieht also so aus, dass vielleicht in Dialekten ein Wort, das "daha" entfernt ähnlich sieht, "Straußenei" heißt, aber "daha" ist nicht davon abgeleitet, sondern eher umgekehrt.

Jede Menge verrückte Verrenkungen macht answering-christianity.com, um zu zeigen, dass "daha" was mit "rund" zu tun hat. Die Argumentation sagt (dort auf Arabisch/Englisch) ungefähr, "Er hat die Erde ausgewalzt" würde für eine kugelrunde Erde sprechen, weil eine Walze doch rund ist und man sich beim Walzer dreht. Oder "Er hat die Erde ausgerollt" ergibt eine runde Erde, weil eine Rolle rund ist.

In der Liste der Lügner für den Koran darf natürlich Harun Yahya
nicht fehlen:

Indeed, the Earth is round, in a manner reminiscent of an egg. The slightly flattened spherical shape of the Earth is known as geoid. From that point of view, the use of the word "daha" contains important information about the shape that Allah has given to the Earth. For hundreds of years, people imagined the Earth to be completely flat and only learned the truth thanks to technology. Yet, this fact was revealed in the Qur'an fourteen centuries ago.

Das sind wieder dieselben drei Falschaussagen, allerdings so aalglatt formuliert, dass sie nur suggeriert werden: "daha" hat was mit Eiform zu tun - die Eiform beschreibt die Erdform besonders gut - damals hat man gedacht, die Erde sei flach.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Islamtoday.com. Dort wird ein Islam-Spezialist gefragt, was davon zu halten ist, wenn ein Prediger behauptet, "dahaha" deute auf eiförmig hin. Die Antwort ist, dieses Wort bedeute "glätten" und stehe nicht mit dem Straußenei in Zusammenhang sondern eher mit seinem Ablageplatz im Sand:

From this, we must understand that the word is not used for the egg itself but rather for the flattened depression where the ostrich deposits its egg.

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