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kereng

Vor gar nicht so langer Zeit hat mir noch ein Kreationist erzählt, der Archaeopteryx sei ein richtiger Vogel gewesen, mit vielen Merkmalen, die bei Dinosauriern nicht vorkommen.

Ein Beispiel dafür war das Brustbein, das bei Vögeln bekanntlich ein flacher Knochen mit einem darauf senkrecht stehenden Kiel ist, der zur Befestigung der Flugmuskulatur dient. Diese Information war aber schon veraltet, weil sich das Brustbein des Archaeopteryx als Irrtum herausgestellt hatte.

Die von Wellnhofer als Brustbein beschriebene Struktur hat sich allerdings nach neueren Untersuchungen (Tischlinger 2005) als Teil des Rabenbeins erwiesen. Die möglicherweise doch recht guten Flugfähigkeiten bleiben dabei allerdings erhalten, da das Brustbein wohl als verknorpelte Struktur vorhanden war. (Wikipedia)

Jetzt las ich von einer Dinosauriergruppe, die ein gekieltes Brustbein hatte, aber gar nicht fliegen konnte: Alvarezsaurier. Deren kurze aber kräftige Arme haben einen besonders starken Finger und sehen eher nach Grabwerkzeugen aus als nach Flügeln.

Da sie in der späten Kreidezeit lebten, war immerhin die Möglichkeit gegeben, dass sie von Vögeln abstammten und das Brustbein behalten aber die Flügel verloren hätten. Aufgrund diverser Merkmale konnten die Fachleute dies aber ausschlißen.

Heute (!) wurde Haplocheirus sollers beschrieben, ein Alvarezsaurier, der im Jura lebte, 60 Millionen Jahre vor den übrigen Mitgliedern der Familie. Sein Arm ist so kräftig, wie es für Alvarezsaurier typisch ist, aber seine Hand ist nicht ganz so spezialisiert und der erste Finger ist der längste anstatt dem mittleren.

Damit ist mal wieder eine Lücke in der Abstammung einer Dinosaurierguppe geschlossen. Vögel sind Dinosaurier, aber Alvarezsaurier stammen weder von Vögeln ab, noch umgekehrt.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Alvarezsauria
Archosaur Musings: The wonderfully weird alvarezsaurs
Archosaur Musings: Guest post: A brief history of Alvarezsaur research
Archosaur Musings: Guest post: Haplocheirus – the skilful one

edit 30.1.2010, weitere Links
Newly Described Bird-like Dinosaur Predates Archaeopteryx
Bild der Wissenschaft: Dino zeigt Kralle
Der Standard: Als die Dinos Federn kriegten

Über endogene Retroviren (ERV) habe ich schon so viel geschrieben, dass es für eine Kategorie reicht.

Nun wurden erstmals virale Gene in unserer DNA nachgewiesen, die es ohne eigene reverse Transkriptase ins Wirtsgenom geschafft haben. Sie liehen sich diese von LINEs aus, also von transposablen Elementen, die durchs Genom vegabundieren.

Es handelt sich um vier Kopien das Nucleoprotein-Gens (N) eines Bornavirus. Diese Virenfamilie ist nach der deutschen Stadt Borna bei Leipzig benannt, wo sie anno 1885 Kavalleriepferde befiel.

Zwei der Kopien sind tote Pseudogene, die beiden anderen werden noch zu Proteinen transkribiert, von denen anscheinend keine schädlichen oder nützlichen Auswirkungen bekannt sind.

Nicht nur Menschen sondern die meisten der untersuchten Säugetiere haben solche Bornaviren-Gene. Bei Erdhörnchen liegt die Infektion etwa 10 Millionen Jahre zurück, bei Menschen, Schimpansen und Orang-Utans 40 Millionen Jahre.

Folgerichtig liegen diese Gene bei den Menschenaffen an übereinstimmenden Positionen. So eine Verteilung viraler Gene hatte ich in meiner Serie über ERV den einfachen Beweis genannt, weil dadurch die gemeinsame Abstammung bewiesen wird.

Die Veröffentlichung in Nature habe ich nicht vollständig gelesen sondern nur die kostenlose Zusammenfassung. Meine übrigen Informationen kommen von den ScienceBloggern Ed Yong und Abbie Smith.

Die Kenner finden die aktuellen Veröffentlichungen über Ardipithecus nicht sonderlich aufregend. Die Erwartungshaltung, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse dem Schimpansen ähnlicher gesehen haben muss als dem Menschen, war wohl eher unter Laien verbreitet.

Ich zum Beispiel war der Meinung, dass Gorillas und Schimpansen ziemlich gleich aussehen, und deswegen der letzte gemeinsame Vorfahre von Gorilla und Schimpanse ungefähr so ausgesehen haben muss wie diese beiden heute lebenden Menschenaffen. Von diesem Vorfahren bis zum Schimpansen wäre keine große Veränderung zu erwarten, also immer Vierbeinigkeit mit Hilfe der Handknöchel und immer große Eckzähne, zumindest bei Männchen.

Da die Trennung der Linien Mensch-Schimpanse später erfolgte als die Trennung Gorilla-Schimpanse, ergibt die Interpolation, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse nicht aufrecht ging, sondern sich auf den Handknöcheln abstützte.

Brian Switek und afarensis wiesen aber im vergangenen August darauf hin, dass Gorilla und Schimpanse diese Gangart möglicherweise unabhängig voneinander entwickelten. Es kristallisiert sich also ein (für mich) unerwartetes Bild ab, das andererseits einige Beobachtungen erklärt, die bisher nicht so recht passen wollten:

Eine weitere Gemeinsamkeit von Ardipithecus ramidus und Homo, die Schimpansen und Gorillas nicht haben, sind kleine Eckzähne bei beiden Geschlechtern.

Da das Alter von "Ardi" mit 4,4 Millionen Jahren recht nah an der vor etwa 6 Millionen Jahren vermuteten Aufspaltung von Mensch und Schimpanse liegt, darf man annehmen, dass Ardipithecus ramidus dem letzten gemeinsamen Vorfahr noch recht ähnlich sah.

Die sich abzeichnende direkte Linie

  1. Sahelanthropus tchadensis
  2. Ardipithecus ramidus
  3. Australopithecus anamensis
  4. Australopithecus afarensis
  5. Homo habilis
  6. Homo erectus
  7. Homo antecessor
  8. Homo heidelbegensis
  9. Homo sapiens

wie sie bei Hominin.net mutig skizziert wird, ist angesichts des lückenhaften Fossilbefunds sicher noch nicht das letzte Wort.

Und wo ich grad bei Aufzählungen bin:

  • Ida: Darwinius masillae, 47 Millionen Jahre alt, für die Abstammung des Menschen eher uninteressant
  • Ardi: Ardipithecus ramidus, 4,4 Millionen Jahre alt, ein Kandidat als Vorfahr des Menschen, zeitlich nah am letzten gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen (~6 Mio. Jahre)
  • Lucy: Australopithecus afarensis, als Art 4 bis 2,9 Millionen Jahre alt (als Exemplar "Lucy" 3,2 Millionen Jahre alt) ein Kandidat als Vorfahr des Menschen.

Weitere Links bezüglich Ardi:

Huch, was schreibt das Evo-Magazin denn da?!

edit, 4.10.2008: Der Text beim Evo-Magazin wurde mittlerweile korrigiert.

"... der bislang früheste gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch, ..."

Und sowas aus dem Lager der Guten!

Erstmal wissen wir gar nicht, ob Ardipithecus ramidus ein Vorfahr des Menschen ist. Zweitens ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Vorfahr des Schimpansen. Drittens ist "frühester gemeinsame Vorfahre" sowieso Blödsinn, weil man als gemeinsame Vorfahren auch Fische und Einzeller angeben könnte, die sicher um einiges älter sind.

Gemeint war der Vorfahren-Kandidat, der bislang am dichtesten hinter der Trennung Mensch-Schimpanse liegt.

Dann setzt Evo-Magazin auch noch den Begriff "Menschenaffe" mit der Gattung "Homo" gleich. Menschenaffen sind außer dem Menschen (Homo) auch Schimpansen (Pan), Gorillas (Gorilla) und Orang-Utans (Pongo), und wenn man will auch Gibbons.

Was sagen die Kreationisten?

Die arbeiten wie immer fleißig im Zitate-Bergwerk und freuen sich über die Schlagzeile in National Geographic

Oldest "Human" Skeleton Found--Disproves "Missing Link"

Gemeint ist: die Vorstellung, der Link sei dem Schimpansen sehr ähnlich gewesen, sei nun widerlegt. Die Formulierung reiht sich aber in eine Serie ähnlicher Schlagzeilen ein: "Darwin was wrong", "Höhere Tiere stammen nicht von niederen Tieren ab".

Der Dallas Christian Living Examiner macht daraus erwartungsgemäß:

The theory of evolution states many things, one of the more popular theories being that humans and other primates, such as apes, monkeys, and gorillas, all have a common ancestor that walked the earth millions of years ago.  The idea of the missing link is that somewhere way back when, there was a primate who almost seemed to be half monkey and half human, proving that there was at some point an evolutionary split. A recent discovery in Ethiopia disproves that theory.

Versuch einer wörtlichen Übersetzung:

Die Evolutionstheorie macht viele Aussagen, wobei eine der populäreren Theorien ist, dass Menschen und andere Primaten, etwa Menschenaffen, Affen und Gorillas [sic] alle einen gemeinsamen Vorfahren haben, der vor Jahrmillionen auf Erden wandelte.  Der Gedanke des fehlenden Zwischengliedes ist, dass irgendwo vor langer Zeit ein Primat lebte, der beinahe halb Affe und halb Mensch zu sein schien, was beweisen würde, dass es irgendwo eine evolutionäre Trennung gab. Eine vor kurzem [eigentlich 1994] in Äthiopien gemachte Entdeckung widerlegt diese Theorie.

Hier wird die Widerlegung also nicht mehr auf die Ähnlichkeit des "Missing Link" zum Schimpansen bezogen sondern überhaupt auf die Existenz eines gemeinsamen Vorfahren von Menschen und anderen Menschenaffen. Das hat mit der Berichterstattung von National Geographic nichts mehr zu tun.

Die Wissenschaftsblogs sind heute voll von Fossilien, die Aufschluss über zwei der interessantesten Übergänge in der Evolution bringen.

Ardipithecus ramidus

Bei Spiegel online ist von einem "sensationellem Skelettfund" die Rede, was ja auch nicht ganz falsch ist, nur liegt dieser schon 15 Jahre zurück, was der Spiegel nicht für mitteilenswert hält. Der Standard ist da deutlicher und erwähnt auch, dass "ardi" Erde bedeutet, was aufmerksame Leser meines vorigen Artikels schon wissen. Bei der Ludwig-Maximilians-Universität München findet man einen weiteren Artikel auf Deutsch.

Brian Switek postet einige Links und verweist auf den ausführlichen Artikel des Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer.

Matthew Cobb schreibt, dass es sich nicht um den letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse handelt.

Greg Laden findet den Rummel schon zu groß. Er denkt dabei wohl noch an Ida.

afarensis hat Ardipithecus ramidus (noch ?) nicht im Programm, sondern verteidigt gerade die Neandertaler dagegen, dass sie zur Charakterisierung politischer Gegner missbraucht werden. Mit Republikanern verglichen zu werden, ist für die Neandertaler beleidigend. Außerdem erinnert er an den "Hobbit" Homo floresiensis und die Frage, ob er besser als Australopithecus oder sogar als weitere Gattung klassifiziert werden sollte.

Anchiornis huxleyi

Ein Schönheitsfehler des Urvogels Archaeopteryx war bis vor kurzem, dass er zeitlich vor all den vogelähnlichen Dinosauriern lag, von denen er doch eigentlich gerne hätte abstammen sollen. Dieses Problem wurde endlich durch Anchiornis gelöst.

Besonders interessant finde ich an den Ausführungen von David Hone, dass ebenso wie Anchiornis auch Archaeopteryx Federn an den Beinen hatte. Das ist ziemlich in Vergessenheit geraten, weil man sie am Berliner Exemplar einfach wegpräpariert hatte, um die Beine besser sehen zu können.

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