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kereng

Ich habe vor, in diesem Blog eine Abhandlung über endogene Retroviren (ERV) zu schreiben, weil sie den besten Beweis für die Evolution liefern. Aber jetzt gibt es aktuell gerade einen Artikel im Süddeutsche Zeitung Magazin, zu dem ich mir einige Kommentare nicht verkneifen kann.

Zunächst einmal freue ich mich, dass dieses interessante Thema überhaupt in die Öffentlichkeit getragen wird. Zudem ist der Artikel schön umfassend. Die Hervorhebung des Nutzens von Retroviren finde ich aber übertrieben.

Das Syncytin dient für Säugetier-Embryos als Schutzanzug oder Tarnkappe. Dieses Protein ist identisch mit dem Hüllenprotein, das vom Gen env eines ERV codiert wird. Die Süddeutsche schreibt dazu:

Ein Virus als Geburtshelfer? Wissenschaftler haben diese erstaunliche Beobachtung inzwischen mit verschiedenen Experimenten verifiziert: Sie veränderten das Erbgut von Mäusen so, dass dieses Virus mit dem schlichten Namen HERV-W nicht mehr funktionierte.

Bei Mäusen war es nicht HERV-W, und es wurde nicht das Virus deaktiviert sondern ein Gen. Das Virus als solches war seit Millionen von Jahren nicht mehr intakt. Ich habe allerdings noch Erstaunlicheres gelesen. Bei Menschen, Schafen und Mäusen haben unterschiedliche Retroviren solche Gene hinterlassen. Beim Menschen ist das erst 25-40 Millionen Jahre her. Vermutlich hatte vorher ein anderes Gen diese Funktion.

Biologen aus meinem Bekannteskreis meinen, die ERV könnten vielleicht umgekehrt von der DNA kommen. Aber diverse Arbeiten machen deutlich:

  • HERV-W (Human Endogenes Retrovirus, Gruppe W) macht Syncytin-1 in Menschen, und das ist nebenbei für Multiple Sklerose verantwortlich.
  • HERV-FRDW macht Syncytin-2 in Menschen.
  • HERV-V hat ganz ähnliche env-Gene, die ebenfalls kaum durch Mutationen zerstört wurden.
  • Syncytin-A und -B wurde vor etwa 20 Millionen Jahren den Mäusen von einem nicht klassifizierten (?) Nagetier-ERV geschenkt.
  • enJSRV (endogenous Jaagsiekte sheep retrovirus) macht etwas Entsprechendes in Schafen.

Diese Kürzel sind nicht unterschiedliche Bezeichnungen für identische Viren sondern wirklich verschieden. Weiter im Text der Süddeutschen:

Vor etwa 120 Millionen Jahren kam es zu den ersten Lebendgeburten bei Säugetieren. Das wurde möglich, weil sich zuvor das Virus HERV-W ins Erbgut unserer genetischen Urahnen eingeschlichen hatte.

Wie oben gezeigt, war es damals nicht HERV-W. Weiter auf Seite 2:

Die meisten Säugetiere produzieren Amylase in der Bauchspeicheldrüse, die Menschen auch im Mund. Deshalb schmeckt Brot für uns nach längerem Kauen süßlich.

Hier aktiviert der Promoter eines ERV ein Gen, das sonst in der Bauchspeicheldrüse aktiv ist. Solche Fälle gibt es hundertfach im menschlichen Genom.

Hat ein Retrovirus sowohl die Samenzellen des Mannes als auch die Eizelle der Frau infiziert, wird es bei der Befruchtung in die Gene der Nachkommen übertragen.

Es reicht, wenn die Keimzelle eines Partners befallen ist. Ob das Virus dann die Nachkommen erreicht, ist weitgehend zufällig. Bei nutzlosen ERV bedarf es weiterer Zufälle, damit sie sich in der ganzen Population fixieren.

Ihr einziges Problem besteht nun noch darin, dass die DNA im Laufe der Zeit überflüssige oder gar schädliche Sequenzen entfernt. Umgekehrt lässt sich daraus folgern: »Die Retroviren, die über Hunderttausende oder Millionen Jahre im Genom blieben, erfüllen auch heute eine wichtige Funktion«, sagt Jens Mayer, Humangenetiker an der Universitätsklinik Homburg.

Nur kleine Stücke von Retroviren sind in unserer DNA unversehrt erhalten geblieben. Mal ist env nützlich, mal der Promoter. Grundsätzlich werden alle Retroviren mit der Zeit durch Mutationen zerschossen. Weiter auf Seite 3:

Bei den meisten Retroviren wissen die Forscher bisher nicht ansatzweise, welche Funktion sie erfüllen.

Das wundert mich nicht. Sie erfüllen keine Funktion und mutieren langsam. ERV bringen zwar im Gegensatz zu Punktmutationen schon ganze Bausteine mit und haben so größere Chancen, sich nützlich zu machen, aber normalerweise sind sie schädlich oder neutral. Ich nehme an, dass viel mehr ERV durch natürliche Selektion aus dem Genom entfernt wurden als durch genetische Drift zufällig fixiert wurden.

Die Kenner finden die aktuellen Veröffentlichungen über Ardipithecus nicht sonderlich aufregend. Die Erwartungshaltung, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse dem Schimpansen ähnlicher gesehen haben muss als dem Menschen, war wohl eher unter Laien verbreitet.

Ich zum Beispiel war der Meinung, dass Gorillas und Schimpansen ziemlich gleich aussehen, und deswegen der letzte gemeinsame Vorfahre von Gorilla und Schimpanse ungefähr so ausgesehen haben muss wie diese beiden heute lebenden Menschenaffen. Von diesem Vorfahren bis zum Schimpansen wäre keine große Veränderung zu erwarten, also immer Vierbeinigkeit mit Hilfe der Handknöchel und immer große Eckzähne, zumindest bei Männchen.

Da die Trennung der Linien Mensch-Schimpanse später erfolgte als die Trennung Gorilla-Schimpanse, ergibt die Interpolation, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse nicht aufrecht ging, sondern sich auf den Handknöcheln abstützte.

Brian Switek und afarensis wiesen aber im vergangenen August darauf hin, dass Gorilla und Schimpanse diese Gangart möglicherweise unabhängig voneinander entwickelten. Es kristallisiert sich also ein (für mich) unerwartetes Bild ab, das andererseits einige Beobachtungen erklärt, die bisher nicht so recht passen wollten:

Eine weitere Gemeinsamkeit von Ardipithecus ramidus und Homo, die Schimpansen und Gorillas nicht haben, sind kleine Eckzähne bei beiden Geschlechtern.

Da das Alter von "Ardi" mit 4,4 Millionen Jahren recht nah an der vor etwa 6 Millionen Jahren vermuteten Aufspaltung von Mensch und Schimpanse liegt, darf man annehmen, dass Ardipithecus ramidus dem letzten gemeinsamen Vorfahr noch recht ähnlich sah.

Die sich abzeichnende direkte Linie

  1. Sahelanthropus tchadensis
  2. Ardipithecus ramidus
  3. Australopithecus anamensis
  4. Australopithecus afarensis
  5. Homo habilis
  6. Homo erectus
  7. Homo antecessor
  8. Homo heidelbegensis
  9. Homo sapiens

wie sie bei Hominin.net mutig skizziert wird, ist angesichts des lückenhaften Fossilbefunds sicher noch nicht das letzte Wort.

Und wo ich grad bei Aufzählungen bin:

  • Ida: Darwinius masillae, 47 Millionen Jahre alt, für die Abstammung des Menschen eher uninteressant
  • Ardi: Ardipithecus ramidus, 4,4 Millionen Jahre alt, ein Kandidat als Vorfahr des Menschen, zeitlich nah am letzten gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen (~6 Mio. Jahre)
  • Lucy: Australopithecus afarensis, als Art 4 bis 2,9 Millionen Jahre alt (als Exemplar "Lucy" 3,2 Millionen Jahre alt) ein Kandidat als Vorfahr des Menschen.

Weitere Links bezüglich Ardi:

Huch, was schreibt das Evo-Magazin denn da?!

edit, 4.10.2008: Der Text beim Evo-Magazin wurde mittlerweile korrigiert.

"... der bislang früheste gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch, ..."

Und sowas aus dem Lager der Guten!

Erstmal wissen wir gar nicht, ob Ardipithecus ramidus ein Vorfahr des Menschen ist. Zweitens ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Vorfahr des Schimpansen. Drittens ist "frühester gemeinsame Vorfahre" sowieso Blödsinn, weil man als gemeinsame Vorfahren auch Fische und Einzeller angeben könnte, die sicher um einiges älter sind.

Gemeint war der Vorfahren-Kandidat, der bislang am dichtesten hinter der Trennung Mensch-Schimpanse liegt.

Dann setzt Evo-Magazin auch noch den Begriff "Menschenaffe" mit der Gattung "Homo" gleich. Menschenaffen sind außer dem Menschen (Homo) auch Schimpansen (Pan), Gorillas (Gorilla) und Orang-Utans (Pongo), und wenn man will auch Gibbons.

Was sagen die Kreationisten?

Die arbeiten wie immer fleißig im Zitate-Bergwerk und freuen sich über die Schlagzeile in National Geographic

Oldest "Human" Skeleton Found--Disproves "Missing Link"

Gemeint ist: die Vorstellung, der Link sei dem Schimpansen sehr ähnlich gewesen, sei nun widerlegt. Die Formulierung reiht sich aber in eine Serie ähnlicher Schlagzeilen ein: "Darwin was wrong", "Höhere Tiere stammen nicht von niederen Tieren ab".

Der Dallas Christian Living Examiner macht daraus erwartungsgemäß:

The theory of evolution states many things, one of the more popular theories being that humans and other primates, such as apes, monkeys, and gorillas, all have a common ancestor that walked the earth millions of years ago.  The idea of the missing link is that somewhere way back when, there was a primate who almost seemed to be half monkey and half human, proving that there was at some point an evolutionary split. A recent discovery in Ethiopia disproves that theory.

Versuch einer wörtlichen Übersetzung:

Die Evolutionstheorie macht viele Aussagen, wobei eine der populäreren Theorien ist, dass Menschen und andere Primaten, etwa Menschenaffen, Affen und Gorillas [sic] alle einen gemeinsamen Vorfahren haben, der vor Jahrmillionen auf Erden wandelte.  Der Gedanke des fehlenden Zwischengliedes ist, dass irgendwo vor langer Zeit ein Primat lebte, der beinahe halb Affe und halb Mensch zu sein schien, was beweisen würde, dass es irgendwo eine evolutionäre Trennung gab. Eine vor kurzem [eigentlich 1994] in Äthiopien gemachte Entdeckung widerlegt diese Theorie.

Hier wird die Widerlegung also nicht mehr auf die Ähnlichkeit des "Missing Link" zum Schimpansen bezogen sondern überhaupt auf die Existenz eines gemeinsamen Vorfahren von Menschen und anderen Menschenaffen. Das hat mit der Berichterstattung von National Geographic nichts mehr zu tun.

Die Wissenschaftsblogs sind heute voll von Fossilien, die Aufschluss über zwei der interessantesten Übergänge in der Evolution bringen.

Ardipithecus ramidus

Bei Spiegel online ist von einem "sensationellem Skelettfund" die Rede, was ja auch nicht ganz falsch ist, nur liegt dieser schon 15 Jahre zurück, was der Spiegel nicht für mitteilenswert hält. Der Standard ist da deutlicher und erwähnt auch, dass "ardi" Erde bedeutet, was aufmerksame Leser meines vorigen Artikels schon wissen. Bei der Ludwig-Maximilians-Universität München findet man einen weiteren Artikel auf Deutsch.

Brian Switek postet einige Links und verweist auf den ausführlichen Artikel des Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer.

Matthew Cobb schreibt, dass es sich nicht um den letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse handelt.

Greg Laden findet den Rummel schon zu groß. Er denkt dabei wohl noch an Ida.

afarensis hat Ardipithecus ramidus (noch ?) nicht im Programm, sondern verteidigt gerade die Neandertaler dagegen, dass sie zur Charakterisierung politischer Gegner missbraucht werden. Mit Republikanern verglichen zu werden, ist für die Neandertaler beleidigend. Außerdem erinnert er an den "Hobbit" Homo floresiensis und die Frage, ob er besser als Australopithecus oder sogar als weitere Gattung klassifiziert werden sollte.

Anchiornis huxleyi

Ein Schönheitsfehler des Urvogels Archaeopteryx war bis vor kurzem, dass er zeitlich vor all den vogelähnlichen Dinosauriern lag, von denen er doch eigentlich gerne hätte abstammen sollen. Dieses Problem wurde endlich durch Anchiornis gelöst.

Besonders interessant finde ich an den Ausführungen von David Hone, dass ebenso wie Anchiornis auch Archaeopteryx Federn an den Beinen hatte. Das ist ziemlich in Vergessenheit geraten, weil man sie am Berliner Exemplar einfach wegpräpariert hatte, um die Beine besser sehen zu können.

Der selbsternannte Gottesbote Rashad Khalifa, der wegen seiner Häresie 1990 von anderen Muslimen ermordet wurde (unter anderem wollte er zwei Koranverse streichen, weil sie sein auf der 19 beruhendes Zahlenschema störten), übersetzte wohl als Erster im Jahre 1989 den Koranvers 79:30 mit

He made the earth egg-shaped.

Er hat die Erde eiförmig gemacht.

Normale Übersetzungen sind:

Pickthall:                        And after that He spread the earth
Bubenheim:                   Und währenddessen breitete Er die Erde aus
Al-Azhar-Universität:     Er ebnete dann die Erde
Paret:                            breitete danach die Erde aus
Rasul:                            Und Er breitete hernach die Erde aus
Transliteration:              Waal-arda baAAda thalika dahaha

Man beachte, dass es in der "klaren arabischen Sprache" offenbar nicht möglich ist, "währenddessen" von "danach" zu unterscheiden.

Die alten Korankommentare unterstützen die normalen Übersetzungen, zum Beispiel der Tafsir al-Jalalayn aus dem 15. Jahrhundert:

and after that He spread out the earth:
He made it flat, for it had been created before the heaven, but without having been spread out;

Khalifas Lesart findet man mittlerweile hundertfach im Internet. Mal soll damit der Koran vor dem Angriff in Schutz genommen werden, er stelle die Erde als eine Scheibe dar, mal wird gar behauptet, es handle sich um ein Wunder, weil man damals noch gar nicht wusste, dass die Erde ein Ei ist, was die Form der Erde im Übrigen besser beschreibe als eine Kugel. Diese Argumentation enthält aber gleich drei Fehler.

1. Ist die Erde eiförmig?

In Wirklichkeit weicht die Form der Erde gerade in die andere Richtung von der perfekten Kugel ab. Während beim Straußenei die Symmetrieachse gleichzeitig der längste Durchmesser ist, hat die Erde eine kurze Symmetrieachse von Pol zu Pol. Wenn man einen Ball etwas in die Länge zieht, bekommt man die Form des Straußeneis. Wenn man ihn etwas zusammendrückt, bekommt man die Form der Erde.

Daran ändert sich auch nichts, wenn man das Ei oder die Erde um 90 Grad dreht oder auf die Seite legt. Anhand von zweidimensionalen Abbildungen versuchen muslimische Webseiten und Videos nämlich genau das zu zeigen. Nur jemand ganz ohne räumliche Vorstellungskraft kann darauf reinfallen, aber wenn man sich die Kommentare auf Youtube und in Foren so ansieht, scheinen das nicht wenige zu sein.

Der Erdradius ist am Äquator 6378 km und in Polrichtung 6357 km. Zur Kugel fehlen an den Polen 21,4 Kilometer oder ein Dreihundertstel. Als Erdform wird häufig das Geoid angegeben, das vom Rotationsellipsoid dadurch abweicht, dass Masseanomalien berücksichtigt sind. Es wird manchmal als kartoffel- oder birnenförmig beschrieben, aber das bezieht sich nur seine winzigen Abweichungen vom Ellipsoid, die 100 m nicht überschreiten. Kleinformatige Strukturen wie Berge und Täler werden im Geoid nicht berücksichtigt, und der Gezeiteneffekt ist auch außen vor.

Könnte der Gezeiteneffekt eine Eiform ergeben? Wegen der Asymmetrie der Kräfte auf der dem Mond zugewandten und abgewandten Seite könnte man sich sogar ein stumpfes und ein spitzes Ende vorstellen. Der Meeresspiegel wird dadurch aber nur um durchschnittlich 30 cm angehoben, und die Hebung bzw. Senkung der festen Erdkruste beträgt auch nur etwa 30 bis 60 cm.

Als bessere Vergleiche bieten sich anstatt des Straußeneis Orangen und Wassermelonen an, oder Bälle, denn die Abweichung der Erde von der Kugelform ist minimal. Dr. Haluk Nurbaki hat das auch gemerkt und versucht die Argumentation so zu retten:

Among all the eggs of organisms, the one closest to a sphere is the ostrich egg.

Unter allen Eiern ist das Straußenei der Kugelform am nächsten.

Das stimmt nicht. Die Google-Abbildungen von Straußeneiern weisen eine deutliche Streckung auf. Hingegen gibt es aber kugelrunde Eier von Schildkröten und von Schmetterlingen.

2. Wusste man, dass die Erde rund ist?

Fethullah Gülen schreibt:

Weil der wissenschaftliche Stand damals der wörtlichen Bedeutung des Verses zu widersprechen schien, haben einige Koraninterpreten diesen falsch gedeutet und das Wort als 'ausbreiten' interpretiert. Als Grund dafür darf man geltend machen, dass in früheren Zeiten der wörtliche Sinn nicht akzeptabel erschien und die Koraninterpreten fürchteten, der Vers könne missverstanden werden.

Was wird den Korankommentatoren da unterstellt? Sie befürchteten, "der Vers könne missverstanden werden"? Das ergibt keinen Sinn. Nach Gülens Argumentation müssten die Korankommentatoren gelogen haben, weil sie befürchteten, der der Vers könne wörtlich verstanden werden und so zu Kopfschütteln führen. Die Formulierung "Als Grund dafür darf man geltend machen, ..." lässt vermuten, dass Gülen eine solche Lüge für gerechtfertigt hält, wenn sie den Koran richtiger erscheinen lässt. Ja, offenbar denkt er so, denn er verbreitet ja aus demselben Grund ganz ähnliche Unwahrheiten.

Wikipedia weiß es besser:

Die irrige moderne Annahme, dass insbesondere die mittelalterliche Christenheit an eine Erdscheibe geglaubt habe, wird als Mythos der Flachen Erde bezeichnet und von der Historical Society of Britain als verbreitetster historischer Irrtum aufgelistet.

Eratosthenes und Aristoteles wussten schon lange vor der Zeitenwende, dass die Erde rund ist, und dieses Wissen ging nicht verloren.

So konstatierte bereits der katholische Heilige und Kirchenvater Augustinus um das Jahr 400 unmissverständlich, die Erde sei eine Kugel. Quelle: StMichael-online.de

Im Wikipedia-Artikel über Eratosthenes von Kyrene, der um 225 v. Chr. den Erdumfang recht genau bestimmte, wird erwähnt, dass im Jahr 827 n. Chr. eine Messung des Kalifen al-Ma'mun ein ähnlich genaues Ergebnis erreichte. Im Artikel über den Erdradius lesen wir:

Der Mathematiker Al-Biruni ermittelte im Jahr 1023 mit einem von ihm erfundenen neuen Messverfahren den Radius der Erdkugel auf 6339,6 km.

Also war auch den Korankommentatoren in der arabischen Welt die Kugelform der Erde bekannt.

3. Hat dahaha etwas mit eiförmig zu tun?

Hören wir uns mal Pierre Vogel auf Youtube an, von Minute 2:20 bis 2:50 geht es um "dahaha".

Er sagt also, "dahia" oder "dahiya" hieße Straußenei, und "dahaha" sei davon abgeleitet. Dann folgen die falschen Behauptungen über die Eiform der Erde und bis wann man glaubte, die Erde sei eine Scheibe.

Zum Vergleich Zakir Naik, Minute 4:07 bis 5:00.

Er sagt, dass "duhia" oder "duhiya" Straußenei heißt, und behauptet dann, ein Straußenei sei "geospherical in shape", und hätte genau die Form der Erde. Vogel und Naik sind sich also nicht einig, wie Straußenei auf Arabisch heißt, obwohl beide ein großes Stück Straußeneierschale auf dem Kopf tragen.

Eine dritte Meinung, wie das Wort für Straußenei ist, nämlich "Ud-hiya", kommt von so einer Art Universität. Der Autor heißt Kamel ben Salem:

... the origin of this verb is found in the word (Ud-hiya), which means, "egg of ostrich".

In den Wörterbüchern, die ich im Internet gefunden habe, findet man weder die Herleitung von "dahaha" aus "dahia" oder "duhia" noch, dass eines dieser Wörter Straußenei bedeutet. Das ziemlich spärliche dictionary.sakhr.com liefert immerhin bayd=Ei und daha=ausbreiten.

Lane's Lexikon liefert umfangreiche Erklärungen zu "daha" und erklärt auch, was "ausbreiten" mit Straußeneiern zu tun hat. Der Strauß breitet nämlich den Sand aus und ebnet ihn, bevor er (bzw. sie) das Ei hineinlegt. Andere Wörterbücher, die dasselbe aussagen, darunter das in solchen Fragen tonangebende "Lisan al-Arab", werden in Wikiislam und faithfreedom.org zitiert.

Die letzte Silbe von "dahaha" ist ein Pronomen und steht für die Erde: "hat sie ausgebreitet". Übrigens kommt bayd=Ei sogar einmal im Koran vor, Vers 37:49, und Pickthall und die Al-Azhar-Universität übersetzen dort "bayd" mit "Straußenei".

Bei Google Books habe ich noch ein Wörterbuch gefunden, in dem ebenfalls "Straußenei" auf Arabisch "bayd" ist. Ergänzend zu der Wörterbuch-Suche haben wir noch die Aussage des Ex-Muslims Ladeeni, der Arabisch als Muttersprache hat. Er kennt keine Wörter wie Dahia oder Duhia für "Ei", aber er hat herausgefunden: "In Libyen wird ein Ei DiHHi genannt".

In den Kommentaren zum Youtube-Video von UnsichtbarerGeist behauptet "LeJeanNoel", er hätte ein Larousse-Wörterbuch Arabisch-Französisch, in dem nicht nur steht, dass "Dahia" "Straußenei" heißt, sondern sogar "en forme d'oeuf", eiförmig.

Auf answering-islam.org wird ein anderes Wörterbuch zitiert: "Al-munjid fil'lugha wal'alam"

al-udh'y, al-idhi'y, al-udhu'wa, al-udhi'ya: The egg of the ostrich in the sand.

Es sieht also so aus, dass vielleicht in Dialekten ein Wort, das "daha" entfernt ähnlich sieht, "Straußenei" heißt, aber "daha" ist nicht davon abgeleitet, sondern eher umgekehrt.

Jede Menge verrückte Verrenkungen macht answering-christianity.com, um zu zeigen, dass "daha" was mit "rund" zu tun hat. Die Argumentation sagt (dort auf Arabisch/Englisch) ungefähr, "Er hat die Erde ausgewalzt" würde für eine kugelrunde Erde sprechen, weil eine Walze doch rund ist und man sich beim Walzer dreht. Oder "Er hat die Erde ausgerollt" ergibt eine runde Erde, weil eine Rolle rund ist.

In der Liste der Lügner für den Koran darf natürlich Harun Yahya
nicht fehlen:

Indeed, the Earth is round, in a manner reminiscent of an egg. The slightly flattened spherical shape of the Earth is known as geoid. From that point of view, the use of the word "daha" contains important information about the shape that Allah has given to the Earth. For hundreds of years, people imagined the Earth to be completely flat and only learned the truth thanks to technology. Yet, this fact was revealed in the Qur'an fourteen centuries ago.

Das sind wieder dieselben drei Falschaussagen, allerdings so aalglatt formuliert, dass sie nur suggeriert werden: "daha" hat was mit Eiform zu tun - die Eiform beschreibt die Erdform besonders gut - damals hat man gedacht, die Erde sei flach.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Islamtoday.com. Dort wird ein Islam-Spezialist gefragt, was davon zu halten ist, wenn ein Prediger behauptet, "dahaha" deute auf eiförmig hin. Die Antwort ist, dieses Wort bedeute "glätten" und stehe nicht mit dem Straußenei in Zusammenhang sondern eher mit seinem Ablageplatz im Sand:

From this, we must understand that the word is not used for the egg itself but rather for the flattened depression where the ostrich deposits its egg.

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27.09.2009

In diesem Blog möchte ich Kommentare zu aktuellen Themen, ausgiebig recherchierte Abhandlungen und vielleicht auch Übersetzungen besonders interessanter Artikel aus englischen Blogs veröffentlichen.

Es wird vor allem um Evolution und um angebliche Koranwunder gehen, aber auch um Aberglauben und Pseudowissenschaft.

Als erster Artikel sollte heute eigentlich schon eine völlig überflüssige (denn sowas glaubt ja eh kein normaler Mensch) Analyse kommen, ob im Koran die Erde als eiförmig beschrieben wird, aber ... von wegen Bloggen in zwei Minuten. So lange braucht man ja mindestens schon, um die AGB zu lesen, und dann war die Aktivierungsmail stundenlang unterwegs ...

Zur besseren Orientierung gibt es ein Inhaltsverzeichnis, das man über die Kategorie Übersicht erreicht.

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